Was hat es mit den L-Nummern auf sich?

Wie es zu den L-Nummern kam

Mitte der 80er Jahre wurden immer mehr unbekannte L-Welse aus Südamerika importiert. In den Handel gerieten sie mit den unterschiedlichsten Namen. Es war nahezu unmöglich 2 Welse einer Art bei unterschiedlichen Händlern zu kaufen.

1988 kamen Rainer Stawikowski (Zeitschrift DATZ), Arthur Werner (Firma Transfisch München) und Dr. Ulrich Schliewen (Zoologische Staatssammlungen München) zu dem Entschluss, die unbeschriebenen bzw. ihnen unbekannten damals ancistrinen und hypostominen / heute hypostominaen Welse zunächst mit einer laufenden Nummer, entsprechend der Reihenfolge der Ersterwähnung in der Zeitschrift DATZ zu versehen. Zur Kennzeichnung, dass es sich um L-Welse handelt, wurde das L für Loricariidae (= Harnischwelse) davor gesetzt.
Die Verwendung von Nummernsystemen war vorher schon in anderen Fischfamlien praktiziert worden.

Die erste L-Nummer – wer ahnt es nicht – die L 1 wurde in der DATZ 12/1988 an einen Glyptoperichthys / Pterygoplichthys sp. aus dem Rio Tocantins, dem erst 1991 von Claude Weber beschriebenen Glyptoperichthys / Pterygoplichthys joselimaianus vergeben. (“Nouveaux taxa dans Pterygoplichthys sensu lato (Pisces,Siluriformes, Loricariidae)” (Revue Suisse de Zoologie, Vol. 98).

Die Geschichte der L-Nummern begann.

LDA-Nummern

Wer sich ein wenig umgesehen hat, wird auch schon L-Welse mit LDA-Nummern entdeckt haben. Hier handelt es sich um eine eigenständige Nummerierung der Harnischwelse in der Zeitschrift „Das Aquarium“: LDA steht für“ Loricariidae Das Aquarium“. Diese Nummerierung berücksichtigt jedoch nicht den Fangort.

Die LDA-Nummern fanden ihren Anfang in der Ausgabe 11/1992 mit einem Tigerharnischwels, der die Nummer LDA 1 erhielt. Dieser erhielt in der DATZ 7/1994 später noch die L-Nummer L169. Zu dieser Zeit sah man diese Welse noch nahe der Gattung Panaque. Heute sind sie in einer eigenen Gattung Panaqolus eingeordnet. Und bei dem vorgestellten Wels handelte es sich um Panaqolus sp. „LDA 1/L 169“.

L-Nummer: L169 und LDA-Nummer LDA 1
Panaqolus sp. „L 169 / LDA 1

Leider hat man sich für die Nummerierung der Harnischwelse auf kein gemeinsames Vorgehen verständigen können.

So haben die LDA-Nummern hin und wieder zu Verwirrungen beigetragen, gibt es doch L-Welse mit L- und LDA-Nummer, nur mit einer von beiden, mit keiner von beiden.

Ende 2005 wurde die Zeitschrift „Das Aquarium“ eingestellt, so dass wir davon ausgingen, dass die LDA-Nummern mit Neoplecostomus sp. „LDA 102“ ein Ende gefunden haben. Bekanntlich leben Totgesagte länger. So wurden noch drei weitere LDA-Nummern 2006 in den AqualogNews veröffentlicht. Die LDA-Nummern enden dadurch bei Pseudacanthicus sp. „LDA 105“, die der vorher als Pseudacanthicus sp. „Typhoon“ bekannten Art gegeben wurde.

L-Nummern nur für Hypostominae

Die L-Nummern sollten eigentlich nur für Harnischwelse der Tribus Hypostomini und Ancistrini vergeben werden. In „Phylogenetic relationships of the suckermouth armoured catfishes (Loricariidae) with emphasis on the Hypostominae and the Ancistrinae“ von J.W. Armbruster wurden 2004 der Tribus Hypostomini in die Unterfamile Hypostominae überführt und der Tribus Ancistrini dieser Unterfamilie untergeordnet.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt auch einige wenige L-Nummern in anderen Unterfamilien (als Hypostominae). Zum Beispiel:

Mehrere L-Nummern für eine Art?

Gewollte Vielfalt

Die L-Nummern soll(t)en grundsätzlich auch den Fangort einer Art berücksichtigen. Das heißt, es ist durchaus gewollt, dass auch Tiere einer Art, die von verschiedenen Fangorten stammen, unterschiedliche L-Nummern erhalten.

Ein Art mit mehreren Fangorten ist zum Beispiel Ancistomus / Peckoltia (cf.) sabaji

Ancistomus cf. sabaji

Ancistomus / Peckoltia sabaji

  • Ancistomus cf. sabaji – L 75 – Rio do Pará (Brasilien)
  • Ancistomus cf. sabaji – L 124 – Río Orinoco-Einzug (Venezuela)
  • Ancistomus sabaji – L 301 – Rupununi River (Guyana)

Bekannte Fangorte von Ancistomus / Peckoltia sabaji

 

… aber nicht immer

Viele L-Welse verändern im Laufe ihres Lebens ihr Aussehen. Oftmals ist man sich auch nicht im Klaren gewesen, ob es sich bei einem Neuimport, um eine Farbvariante oder eine neue Art handelte. So ist es vorgekommen, dass Tiere einer Art vom gleichen Fangort mit mehreren L-Nummern bedacht wurden. Ein Beispiel dafür ist Ancistomus feldbergae, der die L-Nummern L 12 und L13 erhalten hatte, obwohl beide Exemplare sogar zusammen im gleichen Habitat gefangen wurden. Erst längere Beobachtungen bestätigten dieses.

Eine L-Nummer für immer?

Eine L-Nummer sollte nur solange gültig sein, bis die Art wissenschaftlich beschrieben wurde.

Wissenschaftlich beschriebenen Arten werden durch den Namen der Gattung und einen eigenen Artnamen bezeichnet.

Insofern werden bei den noch nicht wissenschaftlich beschriebenen L-Welsen zunächst der Gattungsname, gefolgt von einem „sp.“ (species = Art) und ggf. plus einem weiteren Zusatz zur Kennzeichnung verwendet.

Wer kennt nicht den L 46? Die wissenschaftliche Erstbeschreibung als Hypancistrus zebra von Isbrücker & Nijssen stammt von 1991. Damit hätte eigentlich seine L-Nummer, die er bereits 1989 in der DATZ 9/1989 erhalten hatte, entfallen sollen (müssen).

Aquarium mit Hypancistrus zebra
Hypancistrus zebra

Wer macht sich aber heute wirklich die Mühe jedes Mal Hypancistrus zebra zu sagen?  L46 ist doch viel kürzer und einfacher und trotzdem jeder weiß, welcher L-Wels gemeint ist. Noch schlimmer wird es bei wissenschaftlichen Namen, die sich kaum einer merken kann. Wir sehen einmal mehr: nichts hält länger als ein Provisorium.

 

L-Nummern auf Abwegen

Eigentlich war vorgesehen, die Welse in der Reihenfolge ihrer Vorstellung in der DATZ durchzunummerieren. Gelegentlich gab es aber auch gewollte und weniger gewollte Abweichungen.

So wurden in der DATZ 8/1993 an die L-Nummer L 136 noch die Buchstaben a und b angefügt, weil beide Formen sehr ähnlich waren, sich jedoch deutlich in Menge und Größe der Punkte unterscheiden. Später sollte es sich herausstellen, dass es sich hier um die gleiche Art handeln muss. Da diese noch nicht beschrieben wurde, sprechen wir diese Welse immer noch als Hypancistrus sp. „L 136“ an.
In der DATZ 7/1994 wird Hypancistrus sp. „L 136c“ eingeführt und wegen der Ähnlichkeit den beiden bestehenden L 136 beigeordnet. Im Gegensatz zu Hypancistrus sp. „L 136a“/“L136b“ ist heute davon auszugehen, dass es sich hier wohl nicht um die gleiche Art handeln sollte.

Hypancistrus sp. L 136c
Hypancistrus sp. „L 136c“

Vielleicht durch diese beiden Abwege angestachelt tauchen immer mal wieder L-Nummern mit ergänzenden Buchstaben auf. Nicht alle diese Ergänzungen sind jedoch auf die DATZ zurückzuführen und daher auch nicht standardisiert. Beispiele sind hier:

Probleme bei der Vergabe der L-Nummern

Mit dem Fangort

Wie wir bereits wissen, war vorgesehen dass mit einer L-Nummern auch der Fangort benannt wird.

Manchmal war dieser nicht bekannt, weil der entsprechende Wels auf einem Markt oder in einem Import gefunden wurde. So zum Beispiel bei Hypancistrus cf. inspector „L 102“ oder Panaqolus cf maccus. „L 104“.

Bei besonders aussehenden Welsen haben die Fänger auch ungern den Fangort Preis gegeben, um sich die Quelle zu schützen. Hier wurde dann auch mal ein Fangort genannt, der sich später als falsch herausstellte bzw. an dem heute noch ernsthafte Zweifel bestehen. Erwähnenswert sind hier Hypancistrus sp. „L 236“ und Pseudacanthicus sp. „L 282“.

Dieses Manko führt(e) später immer wieder zu Diskussionen, wenn es darum geht, die L-Nummern konkreten Arten zuzuordnen.

Unachtsamkeiten

Manchmal wurden bei der DATZ aus Unachtsamkeit L-Nummern doppelt und an verschiedene Arten vergeben oder von der Firma Transfish wurden bereits Welse unter einer L-Nummer angeboten, die noch gar nicht veröffentlicht war. In diesen Fällen wurden später zumeist die L-Nummern berichtigt. Zum Beispiel wurde Pseudolithoxus anthrax erst als L 239 vorgestellt und später dann zu L 235 geändert.

… oder auch gewollt

Ab und zu wurden temporär L-Nummern ausgelassen, um besonders auffälligen Arten eine besondere L-Nummer zukommen zu lassen. Zum Beispiel bei Hypancistrus sp. „L 450“ wurden zunächst die L 442 bis L 449 ausgelassen. Diese Lücken wurden später geschlossen.

Hypancistrus mit L-Nummer L 450
Hypancistrus sp. „L 450
(Ein Vergleich mit dem Bild in der DATZ 7/2010 ist interessant. Auf dem Foto hier, das müsste der gleiche Wels wenige Wochen später sein.)

Man kann sich nur nicht darauf verlassen, dass die Reihenfolge der L-Nummern wirklich deren Veröffentlichung in der DATZ entspricht.

Die L-Nummernvergabe im Laufe der Zeit

Die echte Aquaristik lebt vom Forscherdrang und dazu gehört es auch immer wieder neuen Fischarten ihre Geheimnisse zu entlocken. Die Entfernung zu potentiell neuen Fanggebiete nahm im Laufe der Zeit zu. Die Relation zwischen Kosten und Nutzen des gewerblichen Fischfangs wurde immer unwirtschaftlicher.

Mit Hypancistrus zebra kam bereits 1992 ein erster Harnischwels auf die Positivliste für Zierfische in Brasilien, die jedoch nur sporadisch umgesetzt wurde. Ende 2004 wurde Hypancistrus zebra auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt. Diese Restriktionen hatten keinen Einfluss auf die Vergabe der L-Nummern. Erst mit der Positivliste von 2012 kam es zu umfangreichen Exportverboten für diverse Harnischwelse aus Brasilien. Dieses hatte zur Folge, dass sich viele Zierfischfänger im Laufe der Zeit andere Jobs suchen mussten und private Fischexkursionen nach Brasilien die Seltenheit wurden.

Aus diesen Gründen wurden in den folgenden Jahren wesentlich weniger L-Nummern vergeben. Gelegentlich gab es noch einmal einen Zwischenspurt, wenn Aquarianer Fische von ihren Fangreisen oder auch schon lange in Deutschland gepflegte Fische vorstellten.

Heute, Anfang 2018 haben wir mit einem Peckoltia sp. aus Suriname die L 502 erreicht.

 

Neue L-Nummer in den Jahren

L-Nummern international

Die L-Nummern erhielten schon recht bald nach deren Einführung eine internationale Bedeutung. So berichtete Rainer Stawikowski 2009 auf einer Veranstaltung, dass ihm wenige Zeit nach der Veröffentlichung der ersten L-Nummern, ein ihm bekannter Händler in Brasilien ansprach und ihm freudig eine Liste präsentierte, die darstellen sollte, dass man in Brasilien nun eine Liste „erstellt“ habe, die die bekannten Harnischwelse aufführt. Dem Händler war offensichtlich nicht  bewusst, dass die Liste aus der Zeitschrift DATZ resultiert, deren Chefredakteur Rainer Stawikowsiki ist.

Auch für die Postivlisten aus Brasilien wurde auf die L-Nummern zurückgegriffen. Im Allgemeinen sollten seit 2012 nur noch beschriebene Arten aus Brasilien exportiert werden dürfen. Einerseits finden wir auf der Positivliste eine Referenz beschriebener Arten zu L-Nummern (auch wenn die für unser Verständnis nicht immer so ganz stimmt) und andererseits haben es so doch auch ein paar unbeschriebene Arten aus Brasilien auf die Positivliste geschafft.

Wird eine Harnischwelsart neu beschrieben, steht oft die Frage an: gibt es zu der Art schon eine L-Nummer? Sehr hilfreich ist es, wenn die entsprechende/n L-Nummer/n dann schon in der Beschreibung genannt wurde. So wurde vor kurzem Pseudacanthicus major beschrieben und ausdrücklich die L 186 genannt.

 

Die L-Nummern im Handel

Im Handel haben sich die L-Nummern bewährt. War es nach der Einführung der L-Nummern doch wesentlich einfacher bestimmte Arten (nach-)zukaufen, wenn man wusste, was man schon in seinem Aquarium schwimmen hat.

Betrachten wir den finanziellen Aspekt, so ist erkennbar, dass L-Welse mit L-Nummer sich deutlich besser und teilweise auch teurer verkaufen lassen, als L-Welse die beschrieben oder nur mit dem Zusatz des Fangortes gekennzeichnet sind. So ist ein Hypancistrus sp. „L 66“ für den Handel ein „Standardwels“, während Hypancistrus sp. „Gurupa“ dagegen ohne ersichtlichen Grund ein Ladenhüter ist.

Besonders kritisch wurde es, als deutlich wurde, dass Welse mit bestimmten L-Nummern bevorzugt gekauft und mit überdurchschnittlichen Preisen gehandelt werden konnten. Gelegentlich wurden dann Tiere auch mal um deklariert. Da wurde dann auch plötzlich Mal ein sehr schöner Hypancistrus sp. „L 333“ zu einem Hypancistrus sp. „L 236“.

Problematisch gestaltete sich auch, dass zu mehreren L-Nummern das Foto des schönsten bzw. auffälligsten statt eines repräsentativen Tieres veröffentlicht wurde. Dieses außergewöhnliche Tier entsprach dann nicht der üblichen Farbe und/oder Zeichnung. Manchmal wurden ganze Importlieferungen nach solchen Ausnahmetieren durchsucht und dann doch keines gefunden. Ein Beispiel hier ist Hypancistrus cf. debilittera „L 340“, den man auch auf Grund der DATZ-Veröffentlichung 9/2003 als Roten Zebrawels bezeichnet. So stark, sofern überhaupt gefärbte Tiere waren die absolute Ausnahme.

Aussichten

An der Exportsituation in Brasilien wird sich nicht viel ändern. Es ist einfacher die Fische vor naturverbundenen Aquarianern als vor Staudämmen wie Belo Monte zu schützen. Höchstwahrscheinlich werden andere südamerikanische Staaten noch mehr nachziehen.

Das allgemeine Interesse an Aquaristik und damit auch an Harnischwelsen hat während der letzten Jahre deutlich nachgelassen.

Der Chefredakteur der DATZ, Rainer Stawikowski steht kurz vor dem Ruhestand. Wer weiß, was dann aus der DATZ wird. Die Auflagezahlen der Zeitschrift sind während der letzten Jahre zurückgegangen.

Ich denke: Es wird immer Mal wieder ein (paar) L-Nummern geben – es werden aber nicht mehr viel werden.

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